Dauerkonferenz am Newsdesk

Die neue dpa-Zentrale in Berlin verrät viel über die künftige Arbeitsweise der führenden deutschen Nachrichtenagentur

Die Deutsche Presse-Agentur dpa stellt sich neu auf. Der Marktführer hatte schon am 15. September seine Zentralredaktion in Berlin eröffnet. Ganz reibungslos war dieser Umzug nicht verlaufen, denn die insgesamt rund 3.800 qm großen Räumlichkeiten befinden sich ausgerechnet in der Axel-Springer-Passage. Damit begab sich die Agentur buchstäblich unter das Dach eines ihrer Kunden – und irritierte damit andere, wie zum Beispiel den Tagesspiegel. Der sah mit dem Einzug der dpa in die Immobilie des großen Berliner Wettbewerbers die Unabhängigkeit der Agentur in Gefahr und kündigte kurzerhand deren Dienste. Wenig tröstlich, dass die meisten dpa-Kunden die Befürchtungen des Tagesspiegels ausdrücklich nicht teilten.

Blick in den dpa-Newsroom. ©Deutsche Presse-Agentur GmbH

Aber das ist nur eine Randnotiz, ebenso wie die, dass der 5. Stock des Springer-Glaspalastes zur Eröffnungsfeier vor politischer Prominenz fast aus allen Nähten platzte. Das gehört sich schließlich so, wenn Deutschlands wichtigster Nachrichtenproduzent eine historische Neuerung begeht. Aber was ist eigentlich das Neue an der Berliner dpa-Zentrale? „Im neuen Newsroom sind die früher auf die Standorte Hamburg, Frankfurt und Berlin verteilten Redaktionen für die Text-Berichterstattung, Foto, Grafik, Audio und Video erstmals vereint”, meldete dpa an diesem Tag. Zum Glück hat man ein Firmenvideo produziert, das die Sache etwas genauer erklärt, ©Deutsche Presse-Agentur GmbH: 

Der Newsroom hebt Grenzen der Ressorts auf

Der Newsroom ist ein über seine gesamte Länge von 150 Metern transparenter Raum mit insgesamt 300 Arbeitsplätzen. Dort sind die meisten Redaktionen und Teams der dpa versammelt: Neben der Chefredaktion, den Bundeskorrespondenten und dem Auslandskoordinator sind das unter anderem die klassischen Ressorts Politik, Wirtschaft, Panorama und Sport, aber auch die Bilder- und Grafikdienste, die Onlinedienste, Video- und Audioservice, der Themendienst, die Dokumentation und sogar die Kindernachrichten. „Grenzen zwischen den klassischen Ressorts und den Mediengattungen gibt es in unserer neuen Zentralredaktion nicht mehr”, erklärt Chefredakteur Wolfgang Büchner. Gesteuert, abgestimmt und ständig aktualisiert wird die gesamte Produktion am neu geschaffenen „Newsdesk“, dem Ort einer ständigen Redaktionskonferenz.

Parallelen zur Netzwelt

Dpa-Chef Büchner gab seine Bewertung der neuen Struktur ab: “Dieser Newsroom ist die perfekte Plattform für eine multimedial denkende und arbeitende Agentur”. Schon bei der Ankündigung des Umzugs hatte Büchner von einem „Relaunch“ der dpa gesprochen und damit eine unüberhörbare Parallele zur Netzwelt gezogen, die ihm aus seinem früheren Job als Chef von Spiegel Online bestens vertraut ist.

dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner (Mitte) am Newsdesk. ©Deutsche Presse-Agentur GmbH

Auch im Bundespräsidialamt wusste man mit dieser Vorlage etwas anzufangen. In seiner bemerkenswert ausführlichen Rede brachte Bundespräsident Christian Wulff die Umbruchsituation im Nachrichtengeschäft jedenfalls gleich zum Einstieg auf den Punkt: „Was früher Inhalte waren, heißt heute content und wird über die verschiedensten Kanäle – crossmedial – verbreitet. Heute kann jeder, der über einen Internetanschluss verfügt, Nachrichten von überall her ohne Zeitverzögerung überall hin versenden und damit die globale Nachrichtenflut unübersehbar steigen lassen.“ Die Folge: Neben neuen Verbreitungswegen hat auch eine neue Form von Wettbewerb die Agenturen erreicht. „Anders als früher können die, die früher nur Konsumenten waren, heute mit einem Mausklick zu Kommentatoren und damit zu Produzenten werden.“

Eine ISO-Norm für Nachrichten?

So sehr man dieser Analyse als Journalist sicher zustimmen kann, so diskussionswürdig mutet die präsidiale Schlussfolgerung daraus an, Medien müssten „neue Formen der Qualitätssicherung“ entwickeln – Wulff sprach gar von einer „ISO-Norm“. An dieser Stelle kamen jedenfalls nicht nur die altgedienten Nachrichtenleute im hypermodernen Newsroom ins Grübeln, ob womöglich die bewährten Kriterien journalistischer Sorgfalt – sofern sie angewendet werden – eher Qualitätsprodukte hervorbringen, als eine News-Norm dies könnte. Die ebenfalls von Wulff formulierte Frage, wo man bei seinen Leisten bleiben und wo man den Fortschritt umarmen solle, kann sich dpa-Chef Wolfgang Büchner gleich zu eigen machen. Auf seine Antwort darf man gespannt sein.

Quellen:
Handelsblatt: Tagesspiegel kündigt dpa-Dienst
Pressemitteilung der dpa zur Eröffnung ihrer Zentralredaktion
Rede des Bundespräsidenten Christian Wulff bei dpa

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